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Das Rheingold ist der Auftakt zu Wagners Tetralogie “Der Ring des Nibelungen”. Er selbst nannte es den Vorabend und den Ring ein “Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend”. Wie auch das Rheingold ist dieser Post dazu gedacht, in die wunderbare Welt von Wagners Ring einzuführen und dessen besondere Aufführungsart als Gesamtkunstwerk darzustellen.

Was Wagner von vielen anderen Komponisten zuvor unterscheidet, ist, dass er die Libretti zu seinen Opern selbst schrieb. Er war zugleich Dichter und Komponist. Er benutzte Stabreime und eine Sprache mit ungewöhnlichen Wortstellungen und altertümlichem Vokabular. Manche Wörter erfand er auch einfach selbst, wie den “Wagalaweia”-Ruf der Rheintöchter.

Die Welt und Vorgeschichte

Der Ring des Nibelungen spielt in einer Welt, die wir heute als Fantasy bezeichnen würden. Wagners Vorbilder waren die nordischen Mythen, kombiniert mit deutschen Sagen wie dem Nibelungenlied. Wie in jeder guten Fantasywelt gibt es eine Fülle an verschiedenen Wesen:

Eine der Hauptfiguren des Rings ist der Gott Wotan, sein Vorbild war Odin. Götter sind in der nordischen Mythologie (und auch im Ring) nicht allmächtig. Ihre Macht ist begrenzt auf ein Spezialgebiet: Der Halbgott Loge ist mit dem Feuer verbunden, Wotans Frau Fricka ist die Hüterin der Ehe. Wotan selbst ist zwar Gottvater und Herrscher der Götter aber auch seine Macht hat Grenzen, weshalb er den Plan fasst diese auszubauen. Dazu trinkt er aus dem Brunnen der Weisheit am Fuß der Weltesche (es kostet ihn ein Auge) und bricht einen Ast aus der Weltesche, aus dem er einen Speer schnitzt, in den er als Runen die Verträge schnitzt, an die er und die restliche Welt künftig gebunden sein sollen.

Diese Verträge sind eines der zentralen Themen des Rings. Derjenige, der die Regeln definiert und durchsetzt (Wotan) hat die Macht. Wotan ist Gesetzgeber, Richter und Exekutive. Wer gab Wotan das Recht, diese Verträge allen aufzuzwingen? Im Laufe der Opern wird es zum ein oder anderen Vertragsbruch kommen und Wotan versucht, an den Verträgen vorbei, die Welt nach seinem Gusto zu lenken.

Das Rheingold

Die Story

Der Nibelung Alberich stolpert zufällig über die drei Rheintöchter. Er versucht eine nach der anderen herumzubekommen, die Rheintöchter lassen sich aber auf nicht mehr als einen kleinen Flirt ein und verhöhnen ihn aufgrund seiner Gestalt. Sie treiben es so weit, dass sie ihm vom Rheingold erzählen und der Möglichkeit, daraus einen Ring zu schmieden, der dem Träger große Macht verleiht. Gestohlen werden kann das Rheingold aber nur, wenn man der Liebe entsagt, was ja sicherlich niemand tun würde. Gekränkt von den Abweisungen fand sich aber schnell jemand: Alberich. Er entwendet das Gold und schmiedet den Ring, mit dessen Hilfe er die Nibelungen versklavt und für sich Gold schürfen lässt.

Szenenwechsel. Das Götterehepaar Wotan und Fricka ließ sich von den zwei Riesen Fasolt und Fafner eine neue Burg namens Walhall bauen. Als Bezahlung hat Wotan die Göttin Freia versprochen. Problem: Die goldenen Äpfel aus Freias Garten sorgen dafür, dass die Götter jung bleiben. Ohne Freia altern sie. Loge hatte Wotan versprochen, dass sich das schon irgendwie regeln wird, doch nun ist die Burg fertig, keine andere Bezahlmöglichkeit zugegen, und somit möchten die Riesen Freia mitnehmen, womit vor allem Fricka ein Problem hat. Loge erzählt, dass Alberich einen großen Hort an Gold angehäuft hat. Sie überzeugen die Riesen, dass das die bessere Bezahlung ist, und sie vereinbaren, dass die Riesen erst mal Freia als Pfand mitnehmen, während Wotan und Loge nach Nibelheim hinabsteigen und versuchen, Alberichs Gold zu entwenden.

Alberich ist nicht nur im Besitz des Rings, er hat auch einen Tarnhelm, den sein Bruder Mime geschmiedet hat. Mit ihm kann er sich in alles verwandeln, was er möchte, und als Loge und Wotan auftauchen, führt er ihnen das auch gleich vor und verwandelt sich in eine riesige Schlange. Die beiden verarschen Alberich mit einer List, indem sie so tun, als könne er sich mithilfe des Tarnhelms nur in etwas Großes, nicht aber in etwas Kleines verwandeln. Er beweist das Gegenteil. Als Kröte fangen sie ihn ein und entführen ihn nach oben.

Zurück im Götterreich wird Alberich gezwungen, seinen Hort an Gold herbeizubringen. Alberich ist sehr wütend, hat aber ohne Helm und Ring keine Chance gegen die Götter und belegt den Ring mit einem Fluch. Die gesamte Beute inklusive Ring und Tarnhelm geht an die Riesen. Der Fluch des Rings findet schnell sein erstes Opfer: Fafner erschlägt seinen Bruder Fasolt aus Habgier.

Die Geschichte endet mit den Göttern, die in ihre nun abbezahlte Burg über eine Regenbogenbrücke einmarschieren, und dem Klagen der Rheintöchter über den Verlust des Goldes.

Gesamtkunstwerk

Vor Wagner waren Opern meist eher einzelne Nummernstücke, die nacheinander aufgeführt wurden. In Wagners Opern (schon vor dem Rheingold) gibt es, außer nach den Akten, keine Zeit zum Klatschen, die Musik hört nie auf. Speziell im Rheingold gibt es keine Akte, es wird in der Regel ohne Pause 2,5 h lang aufgeführt. Opern vor Wagner waren ganze Alben auf MTV, Opern nach Wagner sind Kinofilme.

Das Rheingold ist dabei ein anschauliches Beispiel. Das Vorspiel ist keine klassische Overtüre, welche Teile der Musik, die kommen wird, wiedergibt, sondern baut die Welt. (YouTube) Im Natur-Motiv, den ersten Tönen die man hört, wird die Welt aus dem Nichts geschaffen. Aus langgezogenen, tiefen Tönen erklingt langsam, mit immer mehr dazukommenden Tönen, die Welt. Das Motiv wandelt sich dann zum Wellen-Motiv (~ 1

), welches die Wellen des Rheines darstellen. Die beiden Motive verweben sich, werden intensiver, dann beginnt die Oper.

Immer wieder im Laufe der Opern tritt die Musik in den Hintergrund und unterstützt die Sänger und Sängerinnen, tritt dann wieder hervor, um in intensiven Szenen kraftvoll die Stimmung zu beeinflussen. Wagner setzt gezielt kleine musikalische Motive ein, um Personen oder Konzepten Wiedererkennungswert zu verleihen (mehr dazu im Post zur Walküre). Alles wie heute im Kino.

Um dies zu intensivieren, hat Wagner in seinem, von König Ludwig dem Zweiten finanzierten, Opernhaus in Bayreuth das Orchester komplett unter der Bühne verschwinden lassen. Ihm war auch sehr wichtig, dass der Opernsaal abgedunkelt wurde. Er wollte die volle Inszenierung, das Gesamtkunstwerk. Der Zuschauer sieht nur die Bühne und kann sich dem Stück voll hingeben.

Was also heute der Blockbuster ist, war damals die Oper von Richard Wagner. Gewaltige Inszenierungen in allen Dimensionen. Wenn du gute Filme und Filmmusik liebst, solltest du der Oper und Wagner im speziellen eine Chance geben.


Libretto

Uraufführung: 22. September 1869