Für Richard Strauss’ Oper Elektra braucht man starke Nerven. Es ist ein Psychothriller, eingebettet in musikalische Dissonanzen, die einen das ein oder andere Mal erschaudern lassen. Fans von Kill Bill oder The Northman sollten hier voll auf ihre Kosten kommen.
Der Plot
Elektras Vater wurde ermordet: Ihre Mutter hat zusammen mit ihrem Liebhaber den Mord geplant und vollzogen. Zurückgeblieben sind Elektra, ihr Bruder Orest und ihre Schwester Chrysothemis. Während sich Chrysothemis nicht offen gegen die Mutter wendet, hat Elektra nichts anderes im Kopf als den Hass auf ihre Mutter und den Wunsch nach Rache. Chrysothemis lebt im Palast, Elektra wurde in die Gosse im Hof verstoßen. Chrysothemis ist sich durchaus bewusst, was ihre Mutter getan hat. Zieht es aber aus Wunsch, ein normales „Weiberleben” zu leben, vor, das vorgefallene zu ignorieren. Sie versucht, ihre Schwester zu überzeugen, dasselbe zu tun, aber keine Chance. Elektra will Rache. Kein Vergeben, kein Vergessen, ihre Mutter muss sterben:
Was bluten muss? Dein eigenes Genick, wenn dich der Jäger abgefangen hat!
Elektras Hass wird zu ihrer Identität. Sie hofft auf die Ankunft und den Rachewillen ihres Bruders Orest, der zuvor, aus Angst, er würde auch ermordet werden, in Sicherheit gebracht wurde.
Eines Tages erreicht ein Bote den Palast, der vom Tode Orestes berichtet. Elektra ist außer sich und entschließt sich, den Mord an ihrer Mutter selbst zu begehen. Es stellt sich jedoch heraus, dass es eine Finte Orests war, um unentdeckt in den Palast zu gelangen.
Orest schleicht sich in den Palast und tötet seine Mutter und ihren Liebhaber. Elektra tanzt sich vor Freude in Ekstase, bricht zusammen und stirbt.
Das Libretto (der Text) der Oper stammt von Hugo von Hofmannsthal, einem österreichischen Schriftsteller, der Elektra zuvor als Theaterstück schrieb, welches Strauss gefiel. Die Geschichte selbst ist noch viel älter und stammt vom griechischen Dichter Sophokles (~410 v. Chr).
Strauss untermalt die Tragödie mit einer musikalischen Wucht. Zum Einsatz kommt ein riesiges Orchester, bestehend aus über 100 Musikern. Gut zu hören in der Szene in der Elektra ihren Bruder Orest wiedererkennt. Die Musik ist spürbar intensiv, laut und wirr, fängt sich ein und flacht in sanften Streichern ab, über die Elektra emotional ihre Freude zum Ausdruck bringt, dass Orest noch lebt. An dieser Stelle ist in der Musik spürbar, wie Elektra sich euphorisch darüber freut, dass Orest lebt, denn er wird ihr die Rache bringen, nach der sie verlangt. Dann flacht ihr Hass für einen Moment ab, die Musik wird lieblich, sie vergisst ihren Hass, sie freut sich, ihren geliebten Bruder wiederzusehen. Plötzlich wird ihr klar, was sie alles geopfert hat, indem sie den Hass und den Wunsch nach Rache zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht hat. Sie beklagt sich bei Orest:
Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester, mein armes Kind. Ich weiss, es schaudert dich vor mir. Und war doch eines Königs Tochter! Ich glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe ausblies vor meinem Spiegel, fühlt ich es mit keuschem Schauer. […] So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen und habe nichts hervorgebracht aus mir und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.
Sie hätte, wie ihre Schwester, den Vorfall ignorieren und das Leben einer Prinzessin leben können. Stattdessen zog sie es vor, ihrem Vater treu zu bleiben und seinen Tod zu rächen. Es stellt sich die Frage, ob es das wert war. Im Laufe der Szene steigert sich Elektra zurück in ihren Hass, spürbar wird die Musik intensiver, die Dissonanzen kommen zurück, die beiden steigern sich euphorisch in den bevorstehenden Rachemord.
Der Thriller endet nach rund 100 Minuten mit dem euphorischen Gefolge, das den Tod der Herrscher feiert, und Elektra tanzt …
Strauss: Elektra, Op. 58, TrV 223
Uraufführung: 25. Januar 1909