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Calaf verliebt sich so Hals über Kopf, dass er für eine Frau sterben will, mit der er noch nie ein Wort gewechselt hat. Selbst für eine Oper übertrieben dramatisch. Die Prinzessin Turandot hat es ihm angetan, und so will er das Spiel um ihre Hand spielen, dessen Einsatz nichts weniger ist als sein Leben. Löst der Spieler drei Rätsel, gewinnt er die Prinzessin Turandot zur Frau. Scheitert er bei nur einem, verliert er seinen Kopf am Schafott. Nicht sehr viel anders geht es in der modernen und extrem beliebten Serie Squid Game zu, mit dem Unterschied, dass man hier Geld statt Frauen gewinnen kann. Wir haben ein Faible für Spiele mit hohem Einsatz, je höher, desto besser.

Der Plot

Im antiken Peking gilt ein grausames Gesetz: Wer die Prinzessin Turandot heiraten will, muss drei Rätsel lösen, und wer auch nur an einem scheitert, wird geköpft. Bisher hat es keiner geschafft, und gerade wird der nächste gescheiterte Bewerber, der Prinz von Persien, zur Hinrichtung geführt.

In der Menge steht der junge Calaf zusammen mit seinem Vater, dem entthronten König Timur, der von der Sklavin Liù umsorgt wird. Liù liebt Calaf, der davon aber nichts weiß. Dann erscheint Turandot, gibt eiskalt das Zeichen zur Hinrichtung, und Calaf verliebt sich auf der Stelle. Allen Warnungen zum Trotz schlägt er den Gong und meldet sich als nächster Bewerber.

Vor dem Kaiser und dem ganzen Hof stellt Turandot ihre drei Rätsel, und Calaf löst eines nach dem anderen. Turandot ist entsetzt und fleht ihren Vater an, sie nicht an den Fremden zu geben. Calaf macht ihr daraufhin ein Angebot: Errät sie bis zum Morgengrauen seinen Namen, darf sie ihn töten. Wenn nicht, dann wird geheiratet.

Turandot befiehlt, dass in der ganzen Stadt niemand schlafen darf, bis der Name des Fremden gefunden ist. Calaf singt das berühmte Stück “Nessun dorma” (du hast es sicher schon bei Supertalent, American Idol oder ähnlichen Sendungen gehört). Die Wachen nehmen Timur und Liù gefangen, weil man diese mit Calaf gesehen hat. Liù will den Namen nicht preisgeben und wird gefoltert. Doch bevor man sie zum Reden bringt, ergreift sie einen Dolch und tötet sich selbst.

Hier endet Puccinis Turandot, denn er verstarb. Franco Alfano schrieb ein, auf Puccinis Skizzen basierendes Ende, welches ich hier nur der Vollständigkeit halber hinzufüge:

Turandot errät den Namen nicht. Allein mit ihr küsst Calaf sie, und die Prinzessin schmilzt zum ersten Mal dahin. Im Vertrauen verrät Calaf ihr seinen Namen und legt sein Leben in ihre Hände. Vor versammeltem Volk verkündet Turandot, sie kenne den Namen des Fremden: Er laute “Liebe”.

In ihrer Arie “In questa reggia”, erklärt Turandot den Grund für das Spiel: Ihre Ahnin Lou-Ling wurde von einem fremden Mann vergewaltigt und getötet. Bis heute beschäftigt sie dieses Verbrechen zutiefst und Turandots Motivation ist es, dem besitzdenkenden Mann zu entkommen, Single zu bleiben und ihre Ahnin zu rächen. Zunächst geht ihr Plan auf, einige Männer wagen das Spiel, verlieren und werden geköpft.

Doch dann kommt Calaf und löst ohne viel Mühe alle drei Rätsel. Turandot aber will ihn nicht und weigert sich, sich als den Gewinn einzulösen, den sie selbst ausgelobt hat. Calaf, von sich selbst überzeugt, erfindet daraufhin sein eigenes Spiel: Findet sie seinen Namen heraus, darf sie ihn töten und der Ehe entgehen. Was für eine absurde Idee.

Der Volksmund sagt, dass Wettschulden Ehrenschulden sind. Aber was bedeutet es überhaupt, etwas zu ehren?

Ehre beschreibt den moralischen Wert und das soziale Ansehen einer Person. Sie teilt sich in zwei Bereiche: die innere Ehre (Selbstachtung und das eigene Gewissen) und die äußere Ehre (der gute Ruf und die Wertschätzung, die man von der Gesellschaft erhält)

Wikipedia

Innere Ehre in Form von Loyalität und Selbstachtung ist, was Turandot gegenüber ihrer Ahnin fühlt, und damit ihre Pflicht darin sieht, sich an der Männerwelt zu rächen. Äußere Ehre ist es, die Turandot dazu zwingt, überhaupt heiraten zu müssen. Zunächst, um den Ruf der kaiserlichen Familie zu wahren, denn Frauen müssen nun einmal heiraten. Zweitens, als Gewinn ihres selbst ausgerufenen Spiels.

Die Regeln eines Spieles zu ehren bedeutet, nicht zu betrügen. Sie machen das Spiel fair für alle und ein Spiel erst möglich. Wenn wir im Vorhinein wissen, dass jemand die Spielregeln nicht einhält, wozu dann überhaupt spielen? Die Prinzessin macht die Spielregeln, der Kaiser vollstreckt sie. Spieler, die verlieren, werden konsequent hingerichtet, nun aber weigert Turandot sich, ihren Teil der Regeln einzuhalten. Im Sport und Wettkampf gibt es Strafen für das Nichteinhalten der Regeln, für Turandot bleibt es, da sie die Ehe verweigert und Calaf ihr einen Ausweg anbietet, erstmal konsequenzlos.

Bei Calaf fragt man sich, ob er wirklich die Prinzessin der Liebe willen zur Frau will, oder nur, angetan von der Außendarstellung, die ihm das Lösen der Rätsel einbringt, um sein eigenes Ego zu pushen. Alles was er tut wirkt wie das Ringen um mehr Aufmerksamkeit und den Wunsch, als ehrenvoller Held wahrgenommen zu werden.

Turandots Wunsch, nicht heiraten zu müssen, ist so stark, dass sie zu drastischen Mitteln greift und Liù foltern lässt, um so an den Namen ihres Verlobten in spe zu gelangen. Folter, eine der ehrenlosesten Dinge auf der Welt. Liù ist der einzige Charakter, der aus sich selbst heraus ehrenvoll handelt und, bis in den Tod, den Namen, aus Liebe, nicht verrät.

Was soll uns das alles sagen? Für mich ist Turandot eine fantastische Oper, die zeigt, wie kompliziert zwischenmenschliche Beziehungen sind. Wie komplex man das, was man selbst möchte, und das eigene Selbstbild balancieren muss, zwischen dem, wie man wahrgenommen wird, und dem, was andere von einem verlangen. Es bleibt das Gefühl, dass Ehre etwas ist, was notwendig, aber auch leicht zu missverstehen ist. Etwas, was dazu führen kann, dass in ihrem Namen massivste Gewalt angewendet werden kann nur um sie zu wahren. Ehre brechen um Ehre zu erhalten, ein Paradoxon. Wozu ist Liù gestorben? Ist es besser zu sterben als ein Stück Ehre zu verlieren? Hätte sie den Namen verraten, wäre sie am Leben und Calaf tot. Liù liebt Calaf. Calaf liebt sie nicht. Calaf liebt den Gedanken an sich selbst. Turandot liebt Calaf nicht. Dann liebt Turandot Calaf doch. Ehre treibt Liù in den Tod und Calaf ins Happy End.


Libretto

Uraufführung: 25. April 1926